Women only

Wunderbar! Und europäisch?

Am anderen Ende der Welt kann vieles so gleich - aber auch so anders sein. Hier wird nicht “Hi” gesagt, sondern “G´day”. Jeder ist ein “Mate”, was ganz praktisch ist, wenn man sich keine Namen (so wie ich) merken kann. Und Ketchup heißt “tomatoe sauce”, weil wir ja schließlich nicht in Amerika sind.

Von: Lisa Lang

vom 18.09.07

“G’day, mate – can you pass me the tomatoe sauce, please?!” Kate streckt dem Pommesverkäufer ihre Hand hin. An ihrem rechten Handgelenk spitzt ein Tattoo hervor: fünf kleine Sterne – das Southern Cross.

 

Und da sind wir auch – besser gesagt etwas weiter unten – nämlich in Australien.

Rund 20.000 Kilometer von Deutschland entfernt, 7,7 Millionen Quadratkilometer groß, 20,5 Millionen Einwohner.

 

“Darl, I am sorry, I am starving”. Kate ist wie immer viel zu spät und gerade vor einer Sekunde um die Ecke gebogen. Sie gibt mir, mit einer Riesenpommes in der einen Hand und der Ketchupflasche in der anderen, links und rechts einen dicken Kuss auf die Wangen (“Das ist so wunderbar europäisch”, hat sie mal erklärt). “No worries”, antworte ich. Hier ist kaum einer pünktlich. Wieso auch? Ein paar Minuten mehr oder weniger bringen niemanden um .

 

Ich bin seit März im “lucky country”, absolviere hier mein Praktikumssemester und wohne in Melbourne bei meinen Verwandten, die schon vor 25 Jahren ausgewandert sind. Anfangs habe ich mich furchtbar deutsch gefühlt – und wahrscheinlich auch so benommen. “Get the stick out off your ass”, wurde das mal von meinem Onkel kommentiert. Und ich dachte immer, ich sei locker unterwegs…

 

Während ich mit Kate auf einer der grünen Metallbänke Melbournes vor dem “King of Fries” sitze, zieht die Stadt an uns vorbei. Australien ist ein Schmelztiegel der Nationalitäten. Chinesen, Japaner, Inder, Griechen, Italiener - 92 Prozent der Bevölkerung ist europäischer Abstammung, 1,3 Millionen haben mindestens einen deutschen Vorfahren. Laut einer offiziellen Erhebung der Regierung im letzten Jahr leben 100.000 deutsche Bürger allein im Bundesstaat Victoria, dessen Hauptstadt Melbourne ist – Tendenz steigend.

 

Und wie es aussieht, werde ich wohl bald auch dazu gehören. Eigentlich sollte ich im Oktober zurück fliegen, brav mein Studium beenden und dann die Tortur der Jobsuche beginnen. Eigentlich. Mein Flug ist schon längst umgebucht, meine Wohnung in Stuttgart weitervermietet, und ich habe mich von meiner Hochschule exmatrikuliert. Seid dieser Entscheidung ist für jeder Tag wie eine Fahrt in einer Achterbahn: Mal geht es rauf, mal geht es runter.

 

Louise zupft an meinem Ärmel. Sie möchte ein Feuerzeug. Ich krame in meiner riesigen Tasche (ich bin immer wie für eine halbe Weltreise ausgerüstet), kann aber mein Feuerzeug nicht finden. Kate springt auf und fragt den nächstbesten Passanten.

Ich muss mir ein Lachen verkneifen. Kate und Louise sind ein Unterschied wie Tag und Nacht. Kate ist übrigens die Jüngere – gerademal 21. Sie arbeitet als Illustratorin bei einer der größten Werbeanimationsstudios in Melbourne. Noch ist sie offiziell Praktikantin (bezahlt natürlich – hier würde kaum einer ein unbezahltes Praktikum, das länger als eine Woche dauert, machen). Letzte Woche haben wir das offizielle Jobangebot ihres Chefs gefeiert – bei dem Gedanken brummt mir gleich wieder der Schädel.

 

Eines kann man in Melbourne auf alle Fälle – feiern. Jeden Tag, jede Nacht, rund um die Uhr. 3,6 Millionen Einwohner hat diese verrückte Stadt – nur etwas mehr als Berlin (3,4 Millionen). Melbourne ist kunterbunt, “multikulti“, mit einer unglaublich kreativen Kunst- und Musikszene. Vorallem in den kleinen Hinterhofkneipen und Galarien verbergen sich wahre Schätze. In Melbourne ist immer etwas los: Vor kurzem lief hier das „Internationale Filmfestival“, das vom Melbourner „Writer Happening“ abgelöst wurde. Momentan stehen die “Fashionweeks” und das “New Media Festival” auf dem Programm. 

 

Für letzteres konnte ich noch nicht wirklich jemanden begeistern: New Media steckt hier noch ein bisschen in den Kinderschuhen. Aber es gibt eine aktive “Untergrundszene”, genauso wie Blogger und Podcaster, die erst jetzt langsam aus den Löchern gekrochen kommen.

 

Die Medienlandschaft wird von Rupert Murdoch-Produkten beherrscht. Ganz voran die Tageszeitung “Herald Sun“ (vergleichbar mit der deutschen „Bildzeitung“, aber ohne nackte Frau auf dem Cover – dafür größer und einflussreicher). Für die intellektuelle Szene ist sie ein Graus, für den regelmäßigen Leser bunte  Unterhaltung: Promiklatsch, sehr viel Sport und politisches Stammtischgezetere.

 

“Herald Sun ist unser Feind – das ist absolute Volksverdummung” hat mich Rosi bei einem Feierabendbierchen aufgeklärt. Rosi, 32, hat Afrikanische Kultur, sowie Geschichte des 20. Jahrhunderts und englische Literatur studiert. Sie ist mir bei einer Anti-Bush Demo über den Weg gelaufen. Habe etwas gezögert, bis ich ihr erzählte, dass ich gerade bei diesem “Feind” arbeite.

 

Ich wollte unbedingt zur “Herald Sun”. Ich wollte verstehen, wie der Laden tickt, was in den Köpfen “dieser” Journalisten vorgeht, wie mit Geschichten - und vor allem der Wahrheit - umgegangen wird. 

 

Mit Händen und Füßen (mein English ist immer noch nicht perfekt) erkläre ich einer stirnrunzelnden Rosi mein Vorhaben meine Erfahrungen und meine Meinung: Nicht ohne Grund ist diese Tageszeitung so erfolgreich (1.500.000 Leser): Designer, Fotografen und Journalisten arbeiten auf hohem Niveau – nur eben nach den Richtlinien der „Herald Sun“. Und in den täglichen Konferenzen herrscht die Überzeugung, dass “man genau das Richtige macht” und “den Lesern hilft” und, natürlich nicht zu vergessen, dass man “verdammt gut ist”.

 

Nach stundenlanger Diskussion drückt mir Rosi “The Female Eunuch”, von Germaine Greer geschrieben, in die Hand – eine Auseinandersetzung über das Thema „ Die Frau als Sexualobjekt“. Das könne ich in diesem Saftladen ganz gut gebrauchen, grummelt sie zum Abschied. “Die Männer da wollen doch nur das Eine!” Nun gut, angefallen hat mich noch keiner.

 

“Ready?”, fragt mich Louise. Ich trage den feministischen “GG” (Germaine Greer) immer mit mir herum – auch wenn ich nicht viel zum Lesen komme und  froh bin über mehr als fünf Stunden Schlaf. Ich halte Louise das etwas zerfledderte Buch unter die Nase. Greer ist 1939 in Melbourne geboren, “The Female Eunuch”, das  1970 erschien, war ihr erstes Buch und wurde sehr hitzig diskutiert.

 

Natürlich kennt Louise das Buch – schließlich ist Greer doch “eine von uns”. Mich überrascht immer wieder, wie belesen Louise ist. Goethe, Schiller, Hesse – sind ihr alles ein Begriff. Louise ist still und leise und hat eine Vorliebe für bunte Ringelkniestrümpfe. Sie ist 26 Jahre alt, arbeitet als Administratorin für das Writers Festival und trägt immer Jongleurbälle mit sich herum. Sie übt verzweifelt, die drei bunten Bälle in Bewegung zu halten. Sobald man aber eines “Ihrer” Themen trifft (Feminismus, Europa und Puppenspieler) rückt sie entzückt die Brille zurecht und legt los. So wie jetzt. Ich winke Kate vom Frittenverkäufer weg, schließlich ist heute Donnerstag und wir wollen wie gewöhnlich unsere Runde durch Kneipen starten. Ich  drehe mir eine Zigarette und fange an, in den Tiefen meiner Tasche nach einem Feuerzeug zu suchen.

 

Die Sonne geht hinter den Skyliner unter. Wir drei laufen die Elizabeth Street entlang. Ziel ist das “Pushka“, eine kleine Kneipe in einem Melbourner Hinterhof. Immer wenn ich mich auf einen der alten und wackeligen Stühle setze und eine Biolimonade trinke, fühle ich mich wie in Berlin. Das “Pushka” ist in einem alten Backsteingebäude untergebracht. An der Außenseite hängen Bilder von lokalen Künstlern. Louise redet und redet.

Das “GG” muss ich an diesem Abend wohl nicht mehr lesen.  

 

 

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Lisa Lang lebt zur Zeit in Melbourne, wo sie ein Praktikum bei einer der grössten Zeitungen Australiens, der "Herald Sun" absolviert. Eigentlich sollte sie im Oktober nach Deutschland zurückfliegen, aber sie hat sich in das Land verliebt und deshalb entschieden, länger zu bleiben. Neben ihrem Praktikum arbeitet Lisa Lang für SBS German Radio und The Ethnic Community Radio 3zzz in Melbourne.

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Fotos:

1. Los Cardinalos via flickr.com

2. Christopher Potter via stock.xchng

3. Beau Wade via flickr.com

4. Robert La Londe-Berg via flickr.com

5. Mason via stock.xchng

6. Carla Zwies via stock.xchng