Männerecke

Yesterday

Als Kind war ich ein begnadeter Ein-und Ausparker von Matchbox-Autos.

Es war 1964, die Beatles stürmten gerade die Charts, als unsere Familie in einer Erdgeschosswohnung an der Hasseldelle lebte, wo ich am Wohnzimmerfenster meine erste Bühne hatte.

Während das Publikum über den Bürgersteig flanierte, schob ich auf der Fensterbank meine Sammlung von Spielzeugautos hin und her, und besonders im Sommer, wenn das Fenster sperrangelweit offen stand, verbrachte ich ganze Nachmittage mit raffiniert geschnittenen italienischen Coupes: Maserati, Lamborghini.

Aber auch französische Citroens gingen gut von der Hand, und den weißen deutschen Opel Diplomat, bei dem man die Türen rausnehmen konnte, fand ich super verrucht. Der Diplomat wurde mein erster Gangster-Flitzer.

Ich setzte eine winzige Puppe vom Reise-Malefiz hinters Steuer und malte ihr eine dicke Chicago-Zigarre zwischen die Lippen. "Was futtert der denn da?" machte sich meine große Schwester lustig. "Ne Stange Porree?"

Bald vollführte ich Loopings und hitzige Überholmanöver, oder ich raste so gekonnt auf nur einem Hinterreifen über die marmorne Fensterbank, dass der Gummi qualmte, und ein Raunen durch meinem Kopf ging. Da war ich drei Jahre alt.

Im Alter von vier bekam ich eine Rennbahn geschenkt, genau die, die ich mir gewünscht hatte: ein orangefarbener Parcours mit Kurven und langen Geraden aus biegsamen Plastik, die man beliebig zusammenstecken konnte, plus einem ECHTEN Looping. Jetzt gab es kein Halten mehr.

Auf der Fensterbank wurde es eng wie auf dem Rummel, aber die Fans wollten es so. "So ein lieber Junge!" schwärmte die Nachbarschaft, "ja, das ist unser Andreas", antworteten meine Eltern.

Was niemand mitbekam: Den Maseratis und Lamborghinis hatte ich längst abgeschworen und war stattdessen auf Lastwagen umgesattelt, denen ich heimlich die Kennzeichen abschraubte.

Ich war jetzt LKW-Fahrer und nahm auf meinen langen Touren über die Fensterbank gerne Anhalter mit. Damit ich Unterhaltung hatte. Beatniks. Gammler.

Wie sie da auf dem Trucker-Parkplatz unter dem großen Looping herumlungerten, ganz verfroren in ihren dünnen Mäntelchen mit den niedlichen Hippie-Bommeln und nach Amsterdam wollten, da taten sie mir leid.

Doch kaum waren wir auf der Bahn, schon holte unser Andreas das Hackebeil aus dem Handschuhfach. Und das Blutköfferchen.

"Schau mal, was ein lieber Jung", lächelte das Publikum, "der klebt sogar kleine Pflaster auf seine Püppchen. Und was für hübsche Hackebeilchen er sich geschnitzt hat." Ich lächelte brav zurück.

(Gelegentlich riss ich noch Wochen später riesige Fleischbrocken aus den Kadavern.)

1967 begann ich, Politiker zu entführen. Während Frau Drexelius, die das kleine Büdchen an der Hasseldelle führte, vorüberging und nett grüsste, nickte ich nur noch geschäftig und schloß eilig das Fenster. Richard Nixon wimmerte immer so weibisch.

Kurz darauf bereitete ich ein Attentat auf Yesterday vor. Paul McCartney hatte Yesterday geschrieben. Ich mochte Yesterday nicht.

Ich plante, den Song auf offener Bühne zu überfahren. Zu zermalmen. Zu meucheln. Aber er war zu schmierig. Ich rutschte aus und verfehlte ihn.

Und genau deswegen gibt es das Kacklied noch heute.

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Andreas Glumm schreibt regelmäßig in seinem Weblog „500Beine“ über sich und seine Lebensgefährtin, genannt die „Gräfin“, und den Hund „Frau Moll“.