Wissenswertes

Zeitnot als Statussymbol

Wer immerzu in Eile lebt, muss unglaublich gefragt sein. Oder auch nicht? Wer gibt schon gerne zu, auch mal „slow motion“ durch den Tag zu gehen, wo das einen gleich schon verdächtig macht: Ja, hat denn der Mensch nichts zu tun? Und so gar keinen Ehrgeiz? Unsere Vorstellung, immerzu im Stress zu leben, sei aber nur ein Schwindel, sagt nun die Soziologin Nadine Schöneck. Sie hat zum Thema geforscht und sieht unseren Tempowahn auch als eine Art, sich wichtig zu tun.

Ist Zeitmangel ein untrügliches Zeichen für ein Leben, das auf der Überholspur geführt wird? Wie Nadine Schöneck meint, neigen wir heute viel zu sehr dazu, Stress, Leistung und Erfolg in eins zu setzen. Zu Unrecht, wie die Soziologin zu bedenken gibt. Denn natürlich möchte man vermuten, dass jemand, der immerzu zeitknapp ist, erstaunlich viel schafft – und auch viel kann. Wäre er sonst so gefragt? Zwingend sei jedoch nicht, dass hier das eine mit dem anderen einhergeht.  

„Wer einen Termin beim Arzt vereinbart, und die Sprechstundenhilfe sagt: 'Kein Problem, kommen Sie sofort vorbei', wundert sich, warum der Mediziner nichts zu tun hat. Sofort entsteht im Kopf die Assoziation: Der hat Zeit, also ist er auch nicht gut“, so erklärte Nadine Schöneck bereits in den Medien. Die Zeitforscherin hat eine Doktorarbeit zum Thema Zeitempfinden in unserer Gesellschaft geschrieben und kommt darin zu dem Schluss, dass es mit dem Stress in unserem Alltag so schlimm, wie gerne behauptet wird, nun auch wieder nicht sei – oder zumindest nicht, wenn man am großen Mythos einmal kratzt. 
 
„Das Gros der Deutschen behauptet von sich, dass es ein Zeitproblem hat. Aber wenn man genauer nachfragt, merkt man, dass sich erstaunlich wenige Menschen Gedanken um Zeit machen“, sagt die Wissenschaftlerin. In ihrer Untersuchung an der Fernuniversität in Hagen sollten Erwerbstätige angeben, ob sie unter „Zeitnot“ litten. Schriftlich befragt, reagierten viele stark auf das Reizwort und hielten sich prompt für betroffen. In intensiven Interviews jedoch, die Schöneck daneben auch führte, stellte sich die Situation wieder anders dar: Der Druck, ständig im Takt der Uhren zu ticken, schien für viele dann doch kein so großes Problem, wie zunächst behauptet. 

Eine Diskrepanz, die Nadine Schöneck nicht wirklich überraschte: Die Soziologin geht ohnehin davon aus, dass die Einschätzung von Zeit als knapper Ressource eine sehr subjektive Angelegenheit sei. Warum mancher sich ständig gehetzt fühlt, während ein anderer sich kaum aus der Ruhe bringen lässt (obwohl er ähnlich viel zu bewältigen hat), sei schwer zu sagen. Soziale Kontexte spielten hier eine große Rolle: 

So konnte Schöneck nämlich beobachten, dass es oft eher Personen mit höherem Berufs- und Schulabschluss sind, die sich ständig unter Zeitdruck fühlten. Allerdings warnt die Soziologin davor, dieses Gefühl auch gleich für bare Münze zu nehmen. Gestresst zu sein, sei längst en vogue – und wer mit Handy, Laptop oder i-Phone im Grünen liegt, macht natürlich auch seiner Umwelt klar, wie sehr er anderswo auch noch gebraucht wird: „Zeitknappheit ist ein immaterielles Statussymbol“, analysiert Nadine Schöneck so. „Keine Zeit zu haben signalisiert, wichtig und bedeutend zu sein. Das zieht sich durch alle sozialen Schichten und fängt schon bei jungen Leuten an.“ 

Sitzen wir also nur einer Lifestyle-Lüge auf, wenn wir glauben, es ginge gar nicht mehr anders: Und wir müssten ständig unter Strom stehen, in der Arbeitswelt, im Familienleben, in der Freizeit, um aktiv am Rad unserer Möglichkeiten zu drehen? Nadine Schönecks Studie kann keinesfalls als repräsentativ gelten. Und sie lenkt den Blick natürlich auch ab von Gefahren, die andere Studien und Zeitforscher analysieren, die eine zunehmende Vernetzung unserer Welt beobachten – und infolge dieser auch einen steigenden Druck auf den Einzelnen, möglichst immer erreichbar und überall zugleich zu sein, sozusagen in einem freien und flexiblen Floating zwischen Beruf und Privatsphäre. Und mit „Burn-Out“ als Endstation einer neuen „Volkskrankheit“

Nadine Schöneck liegt hier mit ihren Thesen sicher nicht im Trend. Sie befördert aber dennoch eine Überlegung, die so dumm auch nicht ist: Wenn viele heute das Gefühl haben, sofort in Legitimationsnot zu geraten, sobald sie Stunden mit einem Hobby verbringen möchten – ist dann wirklich noch die fehlende Zeit unser eigentliches Problem? Oder nicht eher doch eine falsche Reflexion von Zeit in unserer Gesellschaft, in der sich nach Meinung der Soziologin ein fatales Grundgefühl längst breit gemacht habe: „Nur wer keine Zeit hat, gilt als sozial angepasst und unauffällig“.