Männerecke

Zu Tisch mit meinem Erzfeind Cortez

Ich werde zum Wrack. Auch die arme Ida wird zum Wrack.

Es gibt keine dummen Fragen, nur dumme Antworten. Sagt man. Manchmal ist zwar auch eine dumme Antwort die richtige Antwort, aber hier soll es um Kindererziehung gehen und nicht um den ehelichen Alltag.

Was im Umgang mit Kindern und ihren Fragen gar nicht geht, ist: keine Antwort. Dann wird gelöchert und gebohrt und gefräst. Schonungslos und bis zur Aufgabe. Doch es geht noch viel schlimmer: Was ist, wenn man die neugierigen Kleinen nicht einmal versteht? Nicht intellektuell, sondern akustisch?

»Cortez?«, fragt meine Ida, als sie eineinhalb ist, beim Frühstück und deutet auf meinen Teller. Genauer: Sie deutet auf mein Wurstbrot. Sie selbst beißt in ein kleines Nutellabrot.
»Was willst du, mein Schatz?«, frage ich liebevoll.
»Cortez?«, fragt meine Tochter wieder, ebenso in nettem Tonfall.
»Bitte?«
»Cortez?«
Ich habe keine Ahnung, was sie von mir will. Daher ignoriere ich sie ein wenig.
»Cortez?«
Vielleicht lenkt sie sich mit etwas anderem ab.
»Cortez?«
Offenbar nicht.
»Cortez?«

Nun sollte ich anmerken, dass sich in Idas Tonfall ein ganz klein wenig Ungeduld mischt.


»Cortez?!«
Immer wieder deutet sie auf meinen Teller, auf mein belegtes Brot.
»Cortez?!«
»Ja, mein Schatz, genau.«
Das war ein Fehler, Ida fühlt sich nicht ernst genommen.
»Cortez?!« Deutlich lauter.
»Teller«, sage ich.
»Cortez?!«
»Brot.« Jetzt bemühe ich mich.
»Cortez?!«
»Wurstbrot.«
»Cortez?!!« Recht laut ist sie mittlerweile. Auch die Gesichtsfarbe verändert sich. Meine Frau und Idas große Schwester Dana halten sich derweil fein raus.

»Ein Teller, darauf ein Roggenmischbrot mit Butter und zwei Scheiben Lyoner.«

 

»Cortez?!!« Man könnte jetzt von Schreien sprechen. Von Brüllen. Und von roter Gesichtsfarbe.
Mir kommt eine Idee, reichlich spät. »Magst du ein Stück abhaben.« Ich teile mein Brot und gebe ihr die Hälfte. Sie pfeffert es zurück.

»Cortez?!!«
»Magst Du das ganze Brot? Oder auch lieber Wurst statt Nutella?«
»Cortez?!!«
»Noch was zu trinken?«
»Cortez?!!!« Brüllen. Violettes Gesicht. Tränen.
»Ich verstehe dich nicht, Kind!«
»Cortez?!!!!«
»Sag mir doch, was du willst.« Nun, das tut sie schon minutenlang. Das ist ja das Problem.

 

»Cortez?!!!!« Heiseres Kreischen. Eine Gesicht außerhalb des Farbenspektrums. Spritzende Zornestränen. Schwingende Fäuste. Das Frühstück endet in einem Debakel. Kind mit Bluthochdruck, depressiver Vater. Cortez, der Triumphator.

Das ist eine schlimme Geschichte, doch ist sie nicht zu Ende. Bereits am Mittagstisch wiederholt sich das furchtbare Geschehen. Wir vespern Leberkäs mit Semmel, auch Ida hat eine Portion vor sich, an der sie mäßig hungrig herumbeißt. Sie deutet wieder auf meinen Teller, auf meine Semmel, und der Schrecken nimmt seinen Lauf.


»Cortez?«
»Nicht schon wieder. Ich weiß nicht, was du willst, Ida.«
»Cortez?!«
»Magst du mehr Senf? Weniger Senf? Ketchup? Majo?«
»Cortez?!!« Hier sollte ich anmerken, dass die emotionale Steigerung bei weitem nicht mehr so langsam abläuft wie noch am Frühstückstisch. Ida ist von null auf hundert in fünf Sekunden.
»Cortez?!!!! Cortez?!!!! Cortez?!!!!«

Das Spektakel wiederholt sich nun zu jeder Mahlzeit, wobei Idas Geduldsfaden, so er diesen Namen überhaupt noch verdient, immer kürzer wird. Dafür flippt sie immer stärker aus. Hinsetzen, Essensbeginn, Fingerdeuten auf meinen Teller, und Cortez übernimmt sein Schreckensregime.

Unentwegt höre ich es, überall. Es schallt in meinem inneren Ohr, verfolgt mich, ein ewiges Echo meiner Pein. Cortez ... An meinem Arbeitsplatz, an dem ich nun immer länger ausharre, wodurch ich hin und wieder eine Mahlzeit zuhause versäume; im Fitnessstudio, im Auto, nachts im Traum. Cortez ... Cortez ... Cortez ... .

Was hat Ida da nur aufgeschnappt? Cortez, der alte Spanier? Cortez und Pizarro, Atahualpa und das Gold der Atzteken? Ich schlage im Lexikon nach, sinnloss, schwachsinnig. Ida ist eineinhalb. Es geht um Handfestes. Brot. Wurst. Cortez.

Ich werde zum Wrack. Auch die arme Ida wird zum Wrack. Die Situation eskaliert. Wir setzen uns an den Tisch. Ich belege mein Brot, beiße zitternd hinein, in Erwartung des Entsetzlichen, das nun wieder über uns hereinbricht, unweigerlich.
»Cortez?!!!«
Ich weine. Ich weine. »Lass mich einfach essen, Ida«, schluchze ich, »es ist doch nur mein harmloses Brot. Mein Brot, mein Brohohoho...«
Ida ist ruhig. »Dein Brot?«
Ich blicke auf. »Mein Brot.«
Ida vergewissert sich: »Cortez?«
»Mein Brot. Meins.«
»Papa Brot«, sagt Ida und wendet sich zufrieden ihrem eigenen Mahl zu.

Cortez, alles klar, alter Spanier. »Cortez?« ist gleich: »Gehört es?« ist sinngemäß: »Wem gehört das?«
Ja, Ida, mir gehört das. Mein Brot. Aber du darfst es gern haben. Und Cortez bekommt auch eine Scheibe.

 

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Magdi Aboul-Kheir ist deutscher, als es klingt. Er lebt in Ulm und arbeitet dort als Kulturredakteur einer Tageszeitung. Gerade ist sein Buch „Papa fertig! Mein Leben als Vater“ erschienen, im dem der vorliegende Text zu finden ist. Wir danken ganz herzlich für die Erlaubnis zu einer  Zweitveröffentlichung! 

 

Weitere Essays und Kolumnen von Magdi Aboul finden Sie darüber hinaus auch in dem Weblog „Kolumnen.de“

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