Anderswo

Zwangsbeglückt

Darf der Staat uns zu einem gesunden Lebenswandel zwingen? Juli Zeh hat einen Roman geschrieben, der in dieser Frage schwarz malt: „Corpus Delicti“ spielt im Jahr 2050 und inmitten einer Gesellschaft, die Krankheitsrisiken nicht duldet. Nichts als Science-Fiction?

Mit dem Bonusheft für den Zahnarztbesuch sind wir eigentlich schon mittendrin: in einer Gesundheitslogik, die Juli Zeh ziemlich bedenklich findet. Wer Karies keine Chance gibt, der wird belohnt. Wer dagegen die Vorsorge verschlampt und es wagt, die Krankenkassenbeiträge für alle in die Höhe zu treiben, macht sich schuldig. Zwar landet man heute mit einem schlecht geführten Bonusheft nicht vor Gericht, wie es potentielle Gesundheitssünder in Juli Zehs neuem Roman tun würden. Für den Schaden, den man verursacht, finanziell aufkommen, muss man aber schon jetzt. Gerecht oder nicht?  

Juli Zeh geht es in ihrem Buch „Corpus Delicti“ gar nicht so sehr um diese Frage. Vielmehr sind es die Vorsorgemechanismen unserer Zeit überhaupt, an denen sich die Autorin stößt: Wo landen wir eigentlich, wenn wir jegliches Lebensrisiko zu vermeiden zu einer ersten Bürgerpflicht im Staate machten? Klar: Kosten für die Allgemeinheit ließen sich so natürlich prächtig drücken – aber zu welchem Preis am Ende? 

In ihrem Roman entwirft Juli Zeh probehalber das Zukunftsszenario einer Gesellschaft, der jedes Mittel recht ist, um den Einzelnen zu seinem Glück zu zwingen. Es wird kontrolliert, was das Zeug hält – und vor den Kadi kommt, wer nicht so lebt, wie es gesundheitlich vernünftig wäre. Keimfrei und hygienisch, mit Fitnesseinheiten auf dem Hometrainer und starkem Willen, sich körperlich nicht herunterzuwirtschaften, geht es da zu. Währenddessen ein implantierter Chip alles registriert und verbucht, was sich rührt und bewegt, sei es zum Guten oder zum Schlechten – ein Waldlauf außer Plan etwa bringt tolle Bonuspunkte in einem Gesundheitskonto. Weit hergeholt, das alles? 

Bei weitem nicht. „Ich wollte keine Zukunftsvision schreiben und sagen: In so und so vielen Jahren sieht es so und so aus“, erklärte Juli Zeh gerade in einem Interview mit dem Magazin „Der Stern“: „Ich habe tatsächlich Dinge, die jetzt schon da sind, in ein fiktives System übertragen und ein bisschen überdreht“. Herausgekommen ist so ein Buch, das zwar sicher auch angreifbare Seiten hat, daneben aber auch scharfsinnige Kritik übt. Etwa wenn es um die Überlegung geht, ob die Gemeinschaft eigentlich auch denen einen vollen Versicherungsschutz für den Krankheitsfall bieten muss, die leichtsinnig mit dem eigenen Wohl umgehen – weil sie rauchen, zuviel Alkohol konsumieren oder gar eine riskante Sportart betreiben. Juli Zeh findet Überlegungen wie diese hanebüchen: 

„Gerade die Argumentation mit der Selbstgefährdung ist die größte Chimäre überhaupt. Wenn man damit anfängt, wird das zu einem unbegrenzten Argument überhaupt. Dann müsste man den Leuten verbieten, das Bett zu verlassen. Wobei ich gar nicht weiß, wie sicher statistisch der Aufenthalt im Bett ist. Das Betreten eines Badezimmers …“

Wer Juli Zehs sehr streitbaren Angriff auf die gesundheitsreglementierenden Neigungen unserer Zeit gerne ganz lesen möchte, findet das Interview mit der Schriftstellerin im „Stern“-Magazin und mit einem Klick hierhin.