Männerecke

Zwei Nerventee für Van Gogh

Sie ist der Meinung, dass wir nur deswegen so viel Licht machen auf der Erde, damit wir von anderen Bewohnern des Weltalls endlich bemerkt werden.

1

„Aber vielleicht sollten wir die Schotten lieber dicht machen – hinterher kommen die falschen Leute zu Besuch.“

 

2

Sie findet eine kleine grüne Raupe in dem Blumenkohl, den sie aus dem Kühlschrank holt. Er lag beinah eine Woche im Gemüsefach. Wir haben ihn beim Bio-Bauer gekauft, oben am Theegarten. Die Raupe ist wie tot. Sie liegt auf einem Blumenkohlblatt, ganz starr, wie von Frost bepudert.

Nach zehn Minuten an der warmen Küchenluft rollt sie sich plötzlich auf.
„Guck mal!“ ruft die Gräfin. „Die lebt!“
„Was hast du gemacht?“
„Mund-zu-Mund-Beatmung! Also, ich hab die Raupe 10mal angehaucht und dann aufs Fensterbrett gelegt, über der Heizung!“

Wir bringen die kleine grüne Raupe raus in den Garten. Der Hund ist auch dabei. Das muss gefeiert werden, so eine Wiederauferstehung.

„Wie war das noch?“ sag ich. „Wird aus so einer Raupe nicht ein Falter?“
„Doch, klar. Wenn nächsten Monat ein kleiner Blumenkohl durch den Garten fliegt und fröhlich in unsere Küche winkt, hat er's geschafft.“

3
Sie steht im Bad.
„Wenn der liebe Gott uns wirklich aus Lehm formte, hat er bei mir zuviel Wasser beigemischt. Ich bin viel zu flockig. Ich löse mich auf. Guck dir nur die Haare an. Wie Diana Ross und alle Supremes zusammen nach dem Schwimmunterricht unterm Föhn!“

4
„Irgendwie bist du ein Krokodil“, sagt sie. „Wie die durchs Wasser schleichen, ein Auge überm Wasser, da muss ich immer an dich denken.“

5
Der Himmel war so grau und niedrig, dass er fast schon auf der Straße lag.
„Das macht einen verrückt, immer nur diese graue Scheiße! Da kriegt man doch einen an der Klatsche!“ hat sie sich gestern Abend noch beschwert, aber heute ist endlich die Sonne da. 
Die Gräfin boxt in den blauen Himmel, wie ein übermütiges Känguru.
„Solang das Wetter blond bleibt, bleib ich draußen!“

6
„Mann, du trittst aber auch überall drauf“, sagt sie im Wald zu mir. Ich hab nämlich Gummistiefel an und das Schöne an Gummistiefeln ist, dass man ohne Rücksicht durch sumpfiges Gelände waten kann und von Pfütze zu Pfütze bumsen. 
„Das muss der Boden aushalten, dass ich überall rumtrample. Ich könnte ja auch ein Hirsch sein mit großen Schuhen.“

7
Ich hol mein Notizbuch raus und bleibe zurück. ‚Durchs raschelnde Laub stiefeln‘, notiere ich, ‚als würden tausend Gardinen aufgezogen: Schakk, schakk, schakk.‘

„Wenn du rumstehst und mit deinem Notizbuch redest“, höre ich sie fünfzig Meter voraus, „trampelst du wenigstens keine Krokusse platt.“

8
Der Wald empfängt uns mit einer Brise, als betrete man eine warme Vogelhandlung. Und die Gräfin hat plötzlich einen Seitenscheitel.
„He! Das nervt!“
Eine lange lockige Strähne fällt ihr ins Gesicht, bedeckt das linke Auge wie ein Korkenzieher.
„Ich seh nichts! Das nervt! Mach das weg!“
„Sieht doch gut aus“, pariere ich. "Pariser Chic. Existenzialistisch.“
„Pah, Pariser Chic. Das nervt.“

Sie fährt mit der Hand ins Haar und wirft die Strähne zurück auf den Kopf, wo sie nun ausharrt wie eine Fliegerstaffel, die ihren nächsten Einsatz erwartet: Beim nächsten Windstoß ist es soweit.

„He! Mach das weg!“

9
„Je ne regriette rien?“ lacht sie, als wir Edith Piefke hören im Autoradio. „So ein Quatsch! Ich bereue alles!“

10
„Das liegt in der deutschen Natur: Wenn etwas schlimm ist, machen wir es noch schlimmer. Das haben wir quasi mit der Muttermilch aufgesogen. Ein normaler Krieg reicht uns nicht, wir zetteln gleich einen Weltkrieg an und müssen dabei noch sechs Millionen Juden verbrennen. Wir können nur extrem. Extrem langweilig übrigens auch.“

11
Sie ist der einzige Mensch, der Kartoffelchips lutscht und nicht knabbert. Das heißt, sie lässt lutschen. Sie legt den Chip unter die Zunge und wartet, bis die Gewürze sich von alleine lösen und in den Mundraum sickern.

„Hmm.. und zum Schluss, wenn der Chip ohne alles, also nackig, unterm Gaumen klebt, dann hol ich ihn mit der Zunge runter und, CHRRPPPPZ!!“

12
„Van Gogh hat beim Malen dem lieben Gott auf die Backe geschlagen: So sieht das aus, Junge!“ 

 

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Andreas Glumm schreibt regelmäßig in seinem Weblog „500Beine“ über sich und seine Lebensgefährtin, genannt die „Gräfin“, und den Hund „Frau Moll“

 

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