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Zweikämpfe mit Puderdosen und Abendkleidern

Schön zu sein bedarf es vieles. Und wer schön sein will – muss leiden? In der Welt der Mode, Kosmetik und Körperpflege ist der Kunde nicht nur König. Sondern irgendwie auch Kassenpatient. Vicki Baum hatte dafür Gespür – und schrieb in den 1930er Jahren eine Komödie über den Wahn von makelloser Schönheit und ewiger Jugend.

Von: Gabriela Häfner, Fotos: AvivA Verlag

vom 07.12.06

„Ich habe unlängst eine Statistik gelesen – bitte – da stand drin, dass auf sieben Frauen ein Mann kommt. Nun rechnen Sie aus: Auf sieben Frauen ein Mann, auf vierzehn Frauen zwei Männer, auf einundzwanzig Frauen drei Männer. Von den drei Männern haben zwei ein Verhältnis miteinander. Bleibt für einundzwanzig Frauen ein Mann! Und dann sagen sie – Au, wenn Sie eine Sauerstoffdusche kriegen!“

Ein Schönheitssalon im Berlin der 1930er Jahre. Alles läuft auf Hochtouren. Da werden schlaffe Poren mit Eispackungen wieder belebt, und da wird gegen Falten und Pusteln mit Make-up und Gesichtsduschen zu Felde gezogen. Diäten werden verordnet, Haare koloriert und überhaupt gerupft und gezupft, was das Zeug hält. Alles kreist um nur eine Frage: Wie kann die Frau, auch im reiferen Alter noch, erfolgreich zum Mann finden – wo nicht besser gleich zum jüngeren Liebhaber? Aber Helen Bross, die amerikanische Inhaberin des Salons, steht mit einer den Markt erobernden Kosmetikidee ihren Kundinnen beiseite. Und schafft Visionen: „Das Älterwerden der Frau beruht auf einem Aberglauben, den man abschaffen muss!“

Zumindest das Thema, das die Schriftstellerin Vicki Baum hier in ihrer Komödie „Pariser Platz 13“ aufgreift, scheint nicht gerade gealtert, wie die Anti-Aging-Kampagnen unserer Tage belegen. Das Stück, das gerade erstmalig in Buchform erschienen ist, wurde 1931 an den Berliner Kammerspielen mit Gustaf Gründgens uraufgeführt und lädt in die Welt der Mode, Kosmetik und Körperpflege ein. Es ist der Traum vom makellosen Körper, den Vicki Baum hier persifliert – und das so ausgesprochen witzig, dass das Buch ein reines Lesevergnügen ist. Selbstverständlich nicht nur für diejenigen, die ohnehin allabendlich mit der Weimarer Kultur auf dem Kopfkissen zu Bett krabbeln. Sondern auch für alle, die einen Artikel über Puderdosen im Kulturteil der Zeitung ebenso zu schätzen wissen wie das Zeug selbst.

Dabei nimmt die Komödie auf Korn, wie auf dem Schönheitsmarkt der Rubel ins Rollen gebracht wird: Da sind die Hochglanzideale, mit denen die Werbung jongliert. Und da sind die Neurosen, die aufblühen, wo das Leben mit den reklamehübschen Bildern nicht mithalten kann. Was die Kundschaft immerhin ganz gut auf Trab hält: „Machen Sie mir eine Moorpackung, braten Sie mich zehn Minuten auf jeder Seite, reiben Sie mich mit Schmirgelpapier ab – aber schnell“, so hört man die Damenwelt im Schönheitssalon aufstöhnen. Doch Vicki Baum lässt keinen Zweifel: Aus diesem Zweikampf mit Cremetöpfen und Kinnbinden geht am Ende nur eines hervor, nämlich gleich der nächste Termin für die folgende Sitzung! Ein Pyrrhussieg?

Den neuen Weiblichkeitsidealen in den Rücken zu fallen, das wäre der Bestsellerautorin Vicki Baum, die mit ihrem Kultroman „Menschen im Hotel“ sogar den Sprung nach Hollywood schaffte, wohl kaum eingefallen. Dazu war sie viel zu sehr ein Kind der eigenen Zeit, der vermeintlich wilden Zwanziger Jahre, die nicht nur den Bubikopf populär machten, sondern auch alles Mögliche an Utensilien rund um den Schminkspiegel. Auch Vicki Baum trat so auf, wie es in diesen Jahren en vogue war – mit kurzem Haar und auch mal blondiert, sportlich gekleidet und selbstbewusst im Umgang mit dem Make-up, das gerade erst seinen schlechten Ruf abzustreifen begann.

So verkörperte die Autorin, nicht zuletzt auch aufgrund ihres beruflichen Erfolgs, eben jenen Typ der „Neuen Frau“, um den sich damals vieles drehte. Dabei ließ sie sich allerdings nicht nehmen, das neue Frauenbild auch mit eigener Feder zu prägen – und das nicht nur literarisch. In den Jahren zwischen 1926 und 1931 schrieb Vicki Baum zahlreiche Artikel über Kosmetik, Alter und Mode für so populäre Magazine wie „Uhu“ und „Die Dame“, die im Ullstein-Verlag erschienen. Im Anhang zu der gerade wieder veröffentlichten Komödie finden sich einige dieser Arbeiten, mit denen auch das journalistische Talent einer Frau wieder zu entdecken ist, deren Name schnell zum Markenartikel avancierte – „wie Melissengeist oder Leibnizkekse“, so formulierte eine der Kolleginnen pointiert.

In ihrer Komödie „Pariser Platz 13“ geht es Vicki Baum in diesem Sinne auch nicht nur um den Schwindel im Geschäft mit der Schönheit. Erzählt wird ganz nebenbei auch eine Liebesgeschichte, die ebenso schwindelanfällig daherkommt und sich um die Geschäftsfrau Helen Bross entspinnt. Mit der Figur werden nicht nur so prominente Selfmadefrauen wie Elisabeth Arden und Helena Rubinstein ins Bild geholt, die mit ihren Beautysalons dem Kosmetikhandel frühe und wichtige Impulse gaben und später mit ihren weltweit bekannten Kosmetikprodukten große Erfolge feierten. Ins Bild geholt wird auch ein modernes Frauenleben, das zwischen zeittypischem Leitbild und manchem Trugschluss – eben scheinbar doch auf noch sehr wackeligen Beinen stand.

So ist Helen Bross ist nicht nur geschäftstüchtig. Sie ist auch die beste Werbeträgerin ihrer eigenen Kosmetikidee, weil sie mit 42 Jahren noch das Aussehen einer 24-Jährigen auf das Parkett bringt. Was die Kundschaft natürlich überzeugt. Was leider aber auch gelogen ist! Denn jenseits der Werbeplakate ist die Frau – eben gerade so jung ist, wie sie aussieht. Als mit einem jungen Mann unerwartet auch die scheinbar große Liebe vorbeigeschneit kommt, droht der ganze Schwindel aufzufliegen. Und Helen Bross ist nicht nur die Betrügerin, sondern auch die Betrogene: um so wenig oder so viel wie die eigene Jugend. Am Ende aber kommt dann doch alles, wie es kommen muss, und auch die Einsicht: „Die Liebe ist auch nur eine Sache, bei der das Plakat mehr verspricht, als die Ware halten kann.“

Wer da Lust bekommt, gleich weiter zu lesen, mag sich den Roman „Das weiße Abendkleid“ von Victoria Wolff vornehmen. Auch ein Buch, das gerade vom Aviva-Verlag wieder ausgegraben wurde und in das Paris der 1930 er Jahre, seine Modeateliers, Künstlerclubs und Avantgardetheater entführt. Mit einer Geschichte, in der alte Sprichwörter ebenfalls nicht der Weisheit letzter Schluss sind. Manchmal machen Kleider nicht unbedingt Leute. Dafür aber Leute sehr viel Abenteuerliches mit Kleidern!