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Zwischentöne und Handyklingeln

Ingo Schulze gilt als virtuoser Geschichtenerzähler. Sein neues Buch „Handy“ wurde mit dem diesjährigen „Preis der Leipziger Buchmesse“ ausgezeichnet und beschert dem Autor erneut einen großen Erfolg. Es geht um Spielarten der Liebe und Wendungen, mit denen das Leben seine Richtung ändert.

Nach seinem großen Romanerfolg „Das neue Leben“ präsentiert Ingo Schulze nunmehr einen Kurzgeschichtenband, der„in alter Manier“ erzählen will – so heißt es im Untertitel. Mit dem Buch „Handy“ ist der Autor dabei gleichzeitig aber auch wieder ganz neu zu entdecken.

 

Den Figuren in den Geschichten wird in scheinbar zufälligen Alltagssituationen über die Schulter gesehen, sei es im Kurzurlaub in der Datsche im Berliner Umland, als Gast einer Silvesterfeier oder während des Aufenthalts in einem Schriftstellerheim in Estland. Doch die Beiläufigkeit, mit der die Geschehnisse erzählt werden, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich alle beschriebenen Personen an einem Wendepunkt ihres Lebens befinden.

 

Das vereinende Motiv ist die Liebe in allen ihren Spielarten: Das lang ersehnte Zusammentreffen mit der ersten großen Liebe nach vielen Jahren, das Ende einer Beziehung in der verwirrenden Fremde einer ägyptischen Großstadt oder die Erinnerung an einen jahrelangen Freund kurz nach dessen Tod. Immer wieder geht es um die großen Fragen des Lebens: Wer bin ich? Was will ich? Und: Wie will ich leben?

 

Scheinbar zufällig scheinen die Protagonisten in Situationen zu geraten, in denen sie sich diesen Fragen stellen müssen. Zu welchem Ergebnis sie dabei kommen, bleibt meist offen, was einerseits angenehm ist, weil der Leser keine fremden Lebensweisheiten mit Gewalt übergestülpt bekommt. Andererseits bleibt manchmal aber auch das Gefühl zurück, hängen gelassen zu werden. Doch die Beiläufigkeit, mit der hier über Existenzielles geschrieben wird, macht ganz klar den Charme der Geschichten aus. Das Leben setzt sich aus kleinen Begebenheiten zusammen - und hier und da merkt man erst hinterher, dass eine Richtung sich gerade ändert. Dem Autor gelingt es, mit wenigen Zwischentönen in den einzelnen Szenen jeweils ein ganzes Leben aufleuchten zu lassen.

 

Durch die Unmittelbarkeit, mit der die Geschichten erzählt sind, kommt man den Figuren so nah, dass sie vertraut wirken. Und auch die Tatsache, dass sie häufig in einer literaturnahen Umgebung angesiedelt sind, lässt sie autobiographisch wirken, was ihre Authentizität noch erhöht. Der Leser fragt sich unweigerlich, wie viel von Ingo Schulze in dem jungen Mann steckt, der mit dem Zug nach Wien reist, um eine ehemalige Geliebte zu treffen. Oder in dem deutschen Autor, der versehentlich in eine gestellte Bärenjagd für neureiche Russen in Estland gerät.

 

Trotz aller Nähe zu den Figuren haftet den Geschichten auch etwas Geheimnisvolles an, sodass die Wendungen, die die Handlung nimmt, oft gänzlich unerwartet sind, und man erst in diesen Momenten wahrnimmt, wie sehr einen die scheinbar dahinplätschernde Handlung inzwischen fesselt. Der zurückhaltende Stil besticht durch seine Bescheidenheit. Er drängt sich nicht in den Vordergrund, plustert sich nicht auf, und erzielt genau deshalb so nachhaltige Wirkung.

 

Die Stimmungslage der Geschichten ist sehr unterschiedlich. Mitunter heiter, an manchen Stellen kann man sogar laut auflachen, andere Erzählungen wirken durch die leisen Zwischentöne oder lassen den Leser sprachlos und berührt zurück.

 

Zur Einleitung seines Bandes wählt Ingo Schulze ein Zitat von Frederike Mayröcker: „Dann folgte ein Tag dem anderen, ohne das die Grundfragen des Lebens gelöst worden wären“. Diese nicht zu lösen, gelingt Ingo Schulze auf höchst sympathische Weise.