Was mit einer Nebenrolle begann, gehört heute ganz selbstverständlich zum Serien-Plot: Seit 1996 ist Joe Bausch regelmäßig im Kölner „Tatort“ zu sehen – in der Rolle des Gerichtsmediziners Joseph Roth, der das Team um die Kommissare Ballauf und Schenk bei seinen Ermittlungen unterstützt. Doch auch wenn die Kameras aus sind, trägt der Schauspieler den weißen Kittel. Joe Bausch ist nämlich Gefängnisarzt und arbeitet seit zwanzig Jahren in diesem Beruf, der ihn heute etwa in der Justizvollzugsanstalt Werl mit knapp 900 „harten Jungs“ zusammenbringt – Mördern, Sexualtätern, Geiselnehmern.
Angst oder Berührungsängste hat der aus Nordrhein-Westfalen stammende Arzt keine, was sicherlich auch mit seiner bewegten Vergangenheit zusammen hängt: „Ich studierte in den Siebzigern Theaterwissenschaften, Politologie, Jura und Medizin und gründete mit einigen Kommilitonen das ‚Theaterpathologische Institut’.“ erzählt Joe Bausch. „Wir spielten für damalige Verhältnisse sehr provokante Stücke, widersetzten uns der bürgerlichen Norm und verursachten im Ruhrgebiet regelmäßig Skandale.“ Das blieb nicht ohne Folgen. Denn als der angehende Mediziner mit Hang zur Schauspielerei später nach einer Anstellung suchte, wurde er mit Angeboten nicht gerade überhäuft.
„Da war es ein Glücksfall für mich, als 1987 die Justizvollzugsanstalt Werl auf mich zukam, und ich habe keine Minute gezögert, das Angebot anzunehmen.“ Eine pragmatische Entscheidung, die Joe Bausch ohne Bedenken traf. Die Begegnung mit Straftätern war ihm schließlich auch gar nicht so fremd: schon
seine Familie beschäftigte auf ihrem Bauernhof im Westerwald auch Kriminelle, denn Arbeitskräfte waren damals sehr knapp. Nur einmal kam der Vater einer heute 17-jährigen Tochter ins Grübeln, ob seine Berufswahl eigentlich die richtige sei: „1993 gab es in der JVA eine Geiselnahme und einen Brandanschlag, ausgerechnet auf der Krankenstation. Wenn selbst „die Schweiz des Knastes“ schon nicht mehr tabu ist, dann fragst du dich schon nach deiner eigenen Sicherheit.“ Als dann aber alle Insassen sich gegen seinen geplanten Weggang wendeten, war der Mediziner, der sein Domizil gegenüber der Haftanstalt bezogen hat, schnell wieder versöhnt.
Erlebnisse wie diese bestärken ihn aber darin, sich Freiräume außerhalb der Gefängnismauern zu sichern: „Ich brauche die Schauspielerei als Ventil, um im Knast dauerhaft funktionieren zu können. Und umgekehrt hat mir die Arbeit als Arzt immer Bodenhaftung gegeben“, lautet die Erklärung des Schauspielers, der leidenschaftlich gern Golf spielt, auf einen Gegner aber verzichtet und in Gedanken lieber an seiner Rolle des Dr. Roth feilt.