Welche Farbe hat die Sieben? Grün! Nein blau!
Wer hat als Kind seinen Freunden nicht solche Quizfragen gestellt, um dann überrascht festzustellen, dass jedes Kind dazu seine eigenen Assoziationen hat, von deren „Richtigkeit“ es überzeugt ist.
Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass solche Wahrnehmungen bei fast allen Menschen vorhanden, aber in unterschiedlicher Stärke und Art und Weise ausgeprägt sind, denken wir nur an Assoziationen wie „warmes Rot“, „kaltes Blau“ und "schreiendes Rot" .
Menschen, bei denen neben der normalen Wahrnehmung regelmäßig und unwillkürlich solche zusätzlichen Sinnesempfindungen auftreten, nennt man Synästhetiker (griechisch syn und aisthesis; die Mitempfindung, zeitliches Zusammenfühlen).
Sie können Buchstaben fühlen, schwarz-weiß Texte farbig sehen, und Geräusche werden nicht nur gehört oder geschmeckt, sondern als Form oder Farbe gesehen. Auch die „Darstellung“ dieser Informationen ist unterschiedlich, einige sehen es wie auf einem Bildschirm, wobei das andere Bild überlagert wird, und andere sehen es vor ihrem „inneren Auge".
Es gibt aber auch Gefühlssynästhetiker, bei denen Sinnesreize Gefühle auslösen können und umgekehrt. Offenbar ist die Synästhesie erblich, das Phänomen tritt gehäuft unter nahen Verwandten auf, über achtzig Prozent der Synästhetiker sind Frauen, und auch homosexuelle Männer sind überproportional oft unter ihnen zu finden. Auch Hochbegabung, Linkshändigkeit, Geräuschsensibilität und Aufmerksamkeitsstörungen können Begleiterscheinungen sein.
Eine gängige Theorie über Synästhesie besagt, dass dieses Phänomen durch eine fehlerhafte Verschaltung in einer frühen Entwicklungsphase der Nervenbahnen entsteht. Bei einem Tierexperiment mit neugeborenen Frettchen wurden die vom Auge kommenden Nerven in das Hörzentrum verschaltet, so konnten die Tiere dann tatsächlich mit dem Hörzentrum des Gehirns sehen.
Man ist sich allerdings mittlerweile darüber einig, dass die Synästhesie keine
Krankheit ist, sondern eine hochinteressante physiologisch-neurologische Besonderheit. Entsprechend gewachsen ist auch das Selbstbewusstsein der Synästhetiker, die immer stärker auch im Internet präsent sind und in Selbsterfahrungs-Foren miteinander kommunizieren.
Es gibt viele Künstler, Musiker und Schriftsteller unter den Synästhetikern. Der russische Komponist Alexander Nicolajewitsch Skrjabin versuchte seine synästhetischen Eindrücke mit seiner Symphonie „Promethee“ seinem Publikum näherzubringen, die eine Partitur für das „Lichtklavier“ enthält, das Töne in Farben und Formen übersetzen sollte.
Jimi Hendrix soll Melodien und Akkorde nicht durch Noten dargestellt, sondern durch Farben „notiert“ haben, die bestimmte Klangcharakteristika und musikalische Empfindungen für ihn bedeuteten. Ein bekannter Synästhetiker der Gegenwart ist der Sänger der „Einstürzenden Neubauten“ Blixa Bargeld. Weitere bekannte Vertreter sind: Franz Liszt, Wassily Kandinsky, Oliver Messiaen, Jean Sibelius und Arthur Rimbaud.
Letzterer verwirklicht das u.a. in den folgenden Versen...
Entsinnung (Ein Auszug)
1
KristALLwasser- wie die Salzseen aus Kinderzeit
Ansturm schneeweißer Frauenleiber auf
die Sonne
S=eide in rAUen Mengen & lilienrein
BANNer unter Wällen von irgendeiner
Jung=Frau HOCH gehalten...
Tummelplatz der ENGel- Nein...
Der Goldstrom ist los
rührt seine Arme
schwarz & schwer&
grasdurchflochten...
Sie sinkt
hat das Himmel=Blau zum Himmel=Bett
verlangt als Schleier
den Schatten der Hügel & Brückenbögen...
2
HE! Die nasse Scheibe spannt ihre KristALL=Falten!
Wasser wühlt sein mattes & grundloses
Gold in die
bereiten Betten
Die grün= verschossenen K=leidchen der Backfische
sind WEIden wo ausgeflippte
Vögel hüpfen...
Blanker als ein Gold=Stück
gelb=warmes Augenlid der Dotterblume
- deine eheliche Treue, oh Weib!-
Mittag kommt prompt & mit ihrem
blinden Spiegel neidet SIE dem
hitzegrauem Himmel die
rosig= teure Sphäre...
.........
(Arthur Rimbaud)
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